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Wasserstoffatome unter der Lupe
Direkte Beobachtung von Knotenstrukturen in elektronischen Zuständen des
Wasserstoffatoms
21. Mai 2013
Um die mikroskopischen Eigenschaften von Materie und ihre Wechselwirkungen
mit der Umgebungswelt beschreiben zu können, werden in der Quantenmechanik
Wellenfunktionen genutzt, deren Struktur- und Zeitabhängigkeit von
der Schrödingergleichung beschrieben werden. In Atomen lassen sich
mithilfe von elektronischen Wellenfunktionen u.a. Ladungsverteilungen
beschreiben, deren Größenordnung weit von unserem alltäglichen
Erfahrungshorizont entfernt ist. Die experimentelle Beobachtung der Ladungsverteilung
wird dadurch erschwert, dass der Vorgang der Messung selbst Auswirkungen
auf die Wellenfunktion hat und jede Messung selektiv nur eine Manifestation
der möglichen Zustände erfasst. Physiker behelfen sich daher
mit Berechnungen von Ladungsverteilungen, die mit Lehrbuchwissen möglich
sind. Besser gesagt, bis heute war dies so. Unter der Federführung
von Wissenschaftlern des MBI gelang es nun einem internationalen Forscherteam
ein Mikroskop zu entwickeln, das die Vergrößerung der Wellenfunktion
angeregter Wasserstoffatome um einen Faktor von mehr als zwanzigtausend
erlaubt. Damit können die Knotenstrukturen der elektronischen Zustände
des Wasserstoffatoms auf einem zweidimensionalen Detektor sichtbar gemacht
werden. Die Ergebnisse der Arbeit stellen die Verwirklichung einer drei
Jahrzehnte alten Idee dar und wurden in Physical Review Letters (PRL
110, 213001 (2013) und auf physicsworld.com
veröffentlicht.
Die Entwicklung der Quantenmechanik in der ersten Hälfte des letzten
Jahrhunderts hatte erheblichen Einfluss auf das naturwissenschaftliche
Verständnis der Welt. Die Quantenmechanik erweiterte das auf der
klassischen Newtonschen Mechanik aufbauende Weltbild um eine Beschreibung
der Mikrowelt, deren Eigenschaften sich mit klassischen Ansätzen
nicht erklären ließen. Diese Eigenschaften umfassen z.B. die
Teilchen-Welle-Dualität, die Interferenz und Verschränkung von
Teilcheneigenschaften, die Heisenbergsche Unschärferelation und das
Paulische Ausschlußprinzip. Von zentraler Bedeutung in der Quantenmechanik
ist das Konzept der Wellenfunktion, die eine mathematische Lösung
der zeitabhängigen Schrödingergleichung erlaubt. Gemäß
der Kopenhagener Interpretation beschreibt die Wellenfunktion die Wahrscheinlichkeit
von Messergebnissen, die aus einemquantenmechanischen System hervorgehen
wie z.B. die Energie eines Systems oder die Position und der Impuls seiner
Bestandteile. Die Wellenfunktion erlaubt damit die Beschreibung nicht-klassischer
Phänomene auf der Mikroskala, die durch Messungen auf der Makroskala
beobachtet werden. Die Messung entspricht dem Betrachten eines oder mehrerer
der unzähligen möglichen Manifestationen der Wellenfunktion.
Trotz ihres enormen Einflusses auf die moderne Elektronik und Photonik,
bieten die Quantenmechanik und die sich daraus eröffnenden Möglichkeiten
noch immer große intellektuelle Herausforderungen. Immer wieder
wurden neue Experimente angeregt, um die faszinierenden Vorhersagen der
Theorie zu veranschaulichen. So erhielten beispielweise Haroche und Wineland
den Nobelpreis 2012 für ihre Arbeiten zur Messung und Steuerung einzelner
Quantensysteme in störungsfreien Quantenexperimenten, die den Weg
für genauere optische Uhren und möglicherweise sogar für
die zukünftige Realisierung eines Quantencomputers ebneten. Unter
Verwendung kurzer Laserimpulse können in Experimenten kohärente
Überlagerungen von stationären quantenmechanischen Zuständen
(Wellen) der Elektronen, die sich auf periodischen Umlaufbahnen um Atomkerne
bewegen, beobachtet werden. Die Wellenfunktion jedes dieser elektronischen
stationären Zustände ist eine stehende Welle, die ein Knotenmuster
aufweist in dem sich die Quantenzahlen der jeweiligen Zustände wiederspiegeln.
Zur Beobachtung solcher Knotenmuster wurden Raster-Tunnel-Verfahren auf
Oberflächen angewandt. Außerdem ermöglichen jüngst
durchgeführte Laserionisierungsexperimente die Herstellung von Licht
im extremen UV-Bereich, welches die initiale Wellenfunktion eines Atoms
oder Moleküls im Ruhezustand kodiert.
Vor ungefähr 30 Jahren haben russische Theoretiker eine alternative
experimentelle Methode vorgestellt um die Eigenschaften von Wellenfunktionen
zu messen. Sie schlugen vor, Experimente zur Erforschung der Laserionisierung
von atomarem Wasserstoff in einem statischen elektrischen Feld durchzuführen.
Sie sagten voraus, dass die Projektion von Elektronen auf einem zweidimensionalen
Detektor (der senkrecht zum statisch elektrischen Feld platziert ist)
die Messung von Interferenzmustern erlaubt, welche unmittelbar die Knotenstruktur
der elektronischen Wellenfunktion widerspiegelt. Diese Tatsache liegt
in der besonderen Eigenschaft des Wasserstoffs begründet, welches
als einziges in der Natur vorkommendes Atom nur ein Elektron enthält.
Aufgrund dieser Besonderheit lassen sich die Wellenfunktionen des Wasserstoffs
als Produkt von genau zwei Wellenfunktionen darstellen, welche beschreiben,
wie sich die Wellenfunktion als eine Funktion zweier sog. „parabolischer
Koordinaten“ verändert. Wesentlich ist, dass die Form der beiden
parabelförmigen Wellenfunktionen unabhängig von der Stärke
des statischen elektrischen Feldes gleichbleibend ist und somit auf der
gesamten Reise des Elektrons vom Ionisierungsort zum zweidimensionalen
Detektor (in unserem Experiment etwa ein halber Meter!!) erhalten bleibt.
Die schlüssige Idee in die experimentelle Realität umzusetzen
war indessen alles andere als einfach. Da Wasserstoffatome nicht chemisch
stabil sind, mussten sie zunächst per Laserdissoziation eines geeigneten
Vorläufermoleküls (Wasserstoffdisulfid) hergestellt werden.
Dann mussten die Wasserstoffatome in entsprechende elektronische Zustände
angeregt werden, was wiederum zwei weitere, genau abzustimmende Laserquellen
erforderte. Waren die Elektronen dann angeregt, musste schließlich
eine äußerst empfindliche elektrostatische Linse zum Einsatz
kommen, um die physikalischen Dimensionen des Atoms in den Bereich einer
Millimeterskala zu vergrößern, auf der sie dann mit bloßem
Auge auf einem zweidimensionalen Bildwandler beobachtet und mit einem
Kamerasystem aufgenommen werden konnten. Die wichtigsten Ergebnisse sind
in der Abbildung unten dargestellt. Die Abbildung zeigt die rohen Kameradaten
von vier Messungen, bei denen das Wasserstoffatom auf Zustände mit
0, 1, 2, und 3 Knoten in der Wellenfunktion für die parabolische
Koordinate ξ = r+z angeregt wurde. Wie die experimentell ermittelten Projektionen
auf dem zweidimensionalen Detektor zeigen, können die Knoten leicht
über die Messungen erfasst werden. Der experimentelle Aufbau dient
hier als Mikroskop, das es uns bei einer Vergrößerung um einen
Faktor von etwa zwanzigtausend ermöglicht, sehr tief in ein Wasserstoffatom
hinein zu schauen.
Über den reinen Nachweis einer mehr als 30 Jahre alten theoretischen
Überlegung hinaus, werden in unserem Experiment wunderschön
die Feinheiten der Quantenmechanik demonstriert. Außerdem sollten
unsere Ergebnisse als ein fruchtbares Spielfeld für weitere Forschungen
dienen, bei denen man beispielsweise Wasserstoffatome gleichzeitig sowohl
elektrischen wie magnetischen Feldern aussetzt. Das einfachste Atom in
der Natur hat immer noch eine Menge spannender Physik zu bieten.

Abbildung: (links) zweidimensionale Projektion von Elektronen aus der
Anregung von Wasserstoffatomen auf vier elektronische Zustände, versehen
mit Quantenzahlen (n1,n2,m) und mit (von oben nach unten) 0, 1, 2 und
3 Knoten in ihrer Wellenfunktion für die parabolische Koordinate
ξ = r+z; (rechts) Vergleich der experimentell gemessenen radialen Verteilung
(durchgehende Linien) mit Ergebnissen aus quantenmechanischen Berechnungen
(gestrichelte Linien), der zeigt, dass im Experiment die Knotenstruktur
der quantenmechanischen Wellenfunktion gemessen wurde.
Kontakt
Aneta Stodolna, FOM Institute AMOLF, Science Park 104, 1098 XG Amsterdam, Netherlands
Prof. Marc J.J. Vrakking, Tel: +49-30-6392 1200, Max-Born-Institut, Max Born Straße 2A, D-12489 Berlin, Germany
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Synchrone Bewegung von Elektronen in benachbarten Molekülen - ein ultraschneller Röntgenfilm über Metallkomplexe in einem Kristall
Mittels Femtosekunden-Röntgenbeugung konnten Forscher des Max-Born-Instituts in Berlin (Germany) und der Ecole Polytechnique Federale de Lausanne (Schweiz) erstmals eine extrem schnelle, kollektive Verschiebung von Elektronen zwischen ~100 Molekülionen beobachten, nachdem sie ein einzelnes Elektron in einem Kristall aus Übergangsmetallkomplexen angeregt haben.
15. April 2013
In der Photochemie und molekularen Photovoltaik sind sogenannte Übergangsmetallkomplexe ein weitverbreitetes System. Es besteht aus einem zentralen Metallion, an das eine Gruppe von meist organischen Liganden gebunden ist. Diese Materialen zeigen eine starke Absorption von sichtbarem oder ultraviolettem Licht - eine attraktive Eigenschaft für Anwendungen als primäre Lichtabsorber in molekularen Solarzellen oder in der molekularen Optoelektronik. Nach der Absorption von Licht beobachtet man eine extrem schnelle Verlagerung der Elektronen von dem Metallion auf die Liganden. Dieser Mechanismus ist wesentlich um eine elektrische Spannung zu erzeugen. Da in allen Anwendungen Festkörpermaterialien bevorzugt werden, sind in diesen die Übergangsmetallkomplexe sehr dicht gepackt, was zu einer starken Wechselwirkung untereinander führt. Bislang hatte man überhaupt keine Information über den Einfluß dieser gegenseitigen Wechselwirkung auf die ultraschnelle Elektronenbewegung nach der Lichtabsorption.
Um solch eine ultraschnelle Elektronenbewegung direkt in Raum und Zeit zu verfolgen, benötigt man experimentelle Methoden, die die Position von Elektronen in einem Kristall mit einer Präzision von (0.1 nm =10-10m), etwa der Abstand zwischen benachbarten Atomen, auf einer sub-100 fs Zeitskala (1 fs = 10-15s) bestimmen können. Eine solche Abbildung ist möglich, wenn man ultrakurze Röngtenblitze an den Elektronen streut, da das Beugungsmuster die Information über die räumliche Anordnung der Elektronen zu Verfügung stellt. Die Bewegung der Elektronen wird mittels eines kurzen, optischen Lichtimpulses ausgelöst, welcher ein einzelnes Elektron an einem individuellen Metallkomplex anregt. In der akutellen Ausgabe der Fachzeitschrift Journal of Chemical Physics 138, 144504 (2013) (free download), berichten Benjamin Freyer, Flavio Zamponi, Vincent Juve, Johannes Stingl, Michael Wörner, Thomas Elsässer und Majed Chergui über die erste in-situ Röntgenabbildung der Elektron- und Atom-Bewegungen, die durch solch eine Elektronentransfer-Reaktion ausgelöst wurden. Sie zeigen für das Prototypmaterial [Fe(bpy)3]2+(PF6-)2, zeitabhängige "Elektronendichte-Landkarten", welche aus einzelnen Schnappschüssen mittels 100 fs kurzer Röntgenblitze gewonnen wurden. Eine Serie von Schnappschüssen für verschiedene Momente, d.h. vor, während und nach der Elektronentransfer-Reaktion, läßt sich zu einem ultraschnellen Röntgenfilm über Elektron- und Atom-Bewegungen zusammenfügen.
Zur großen Überraschung der Wissenschaftler zeigten die zeitabhängigen "Elektronendichte-Landkarten" nicht nur eine Verschiebung von Elektronen von den Eisenatomen zu den Bipyridin-Liganden, sondern auch - eine bislang unerwartetde - Verlagerung von Elektronen von den PF6- Anionen zu den Bipyridin-Liganden. Eine genaue Analyse der Röntgenschnappschüsse zeigt, dass der Elektronentransfer auf etwa 30 Metallkomplexen (mit jeweils 2 PF6- Anionen) um den direkt Licht-angeregten komplex herum stattfindet. Diese kollektive Antwort der Elektronen wird von den starken Coulomb-Kräften zwischen den unterschiedlichen Ionen hervorgerufen, welche eine Minimierung der gesamten elektro-statischen Energie des Kristalls anstreben. Solch ein Verhalten ist höchst willkommen für das Einsammeln von elektrischer Ladung in opto-elektronischen Bauelementen.
Kontakt
Michael Woerner, Tel: +49-30-6392 1470
Thomas Elsaesser, Tel: +49-30-6392 1400

Bilder und Röntgenfilm: Oben: Kugel- und Stäbchenmodell des Übergangsmetallkomplexes Eisen(II)-tris-Bipyridin [Fe(bpy)3]2+. Eisenatome (Fe) sind braune, Stickstoff (N) blaue, Kohlenstoff (C) graue und Wasserstoff (H) weiße Kugeln. Die sechs Stickstoffatome befinden sich an den Ecken eines um das Fe-Atom zentrierten Oktaeders. Die Ebenen der 3 Bipyridin Untereinheiten (N2C10H8) stehen jeweils senkrecht aufeinander. Links unten: Die Gegenionen in unserem Kristall sind jeweils zwei Hexa-fluoro-phosphat (PF6-) Ionen [Phosphor (P), Fluor (F)]. Die sechs F-Atome sind ebenfalls an den Ecken eines Oktaeders um das zentrale P-Atom angeordnet. Wir zeigen hier eine 3-dimensionale Oberfläche konstanter Elektronendichte ρ(r,t) = ρC = konst. Der Wert für ρC wurde so gewählt, dass man höchst empfindlich die Bewegung der Elektronen auf dem (PF6-) Anion verfolgen kann. In dem beigefügten Röntgenfilm beobachtet man eine deutlichen Abfluss (d.h. Schrumpfen der Isoelektronendichte-Oberfläche) von Elektronen vom (PF6-) Anion nach der Lichtanregung. Rechts unten: Die 3-dimensionale Oberfläche konstanter Elektronendichte innerhalb der Einheitszelle des Kristalls zeigt die relative räumliche Anordnung der Eisenatome (Kugeln), Bipyridin-Liganden (Bretzel-artige Objekte) and (PF6-) Anionen (Oktaeder-förmige Sterne).
 
Unten: Cartoon der kollektiven Ladungsverschiebung in [Fe(bpy)3]2+(PF6-)2, welche ungefähr 30 Metallkomplexe (und jeweils 2 Gegenionen) um den direkt lichtangeregten Komplex involviert. Blau: Reduktion der Elektronendichte, rot: erhöhte Elektronendichte.

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